Mehr als die Summe unserer Teile – worum geht es bei humanistischen Therapien?

 

„Eine Person ist eine Konstellation aus Potenzialen, keine feste Menge an Merkmalen.“  Carl Rogers, humanistischer Psychologe

 

Krankheit als Schwäche – so wurden psychische Störungen bis in die 1950er Jahre gesehen. Klienten wurden anhand ihrer Störungen in Kategorien eingeteilt und klinisch bewertet.  Mit dem Aufkommen der humanistischen psychologischen Ansätze war ein neuer Standpunkt geboren. Die bisherigen klinischen Kategorien wurden als zu eng aufgefasst und der Mensch als Ganzes mitsamt seinen individuellen Erfahrungen betrachtet. Das Menschenbild in der Psychologie und Psychotherapie war nun ein positiveres, bei dem der Klient auch mit psychischen Problemen die Fähigkeit hat, seine Ressourcen und Potenziale zu nutzen, um seine Probleme aktiv anzugehen.

Gerlinde Baretton„Dieser Beitrag umfasst sehr viele Aspekte. Humanistische Therapie gehört zu den großen Strömungen der Psychotherapie – und gleichzeitig ist ihr Kern erstaunlich einfach: Sie stellt den Menschen mit seinen Gefühlen, Bedürfnissen, Werten und Möglichkeiten in den Mittelpunkt. In diesem Artikel erfahren Sie verständlich und praxisnah, worum es in der humanistischen Therapie geht, welches Menschenbild dahintersteht, wie typische Methoden (z. B. Gesprächsführung, Gestaltarbeit oder Körperwahrnehmung) aussehen und für welche Anliegen dieser Ansatz besonders hilfreich sein kann. Wenn Sie dabei Hilfe zur Entscheidung brauchen, schreiben Sie mir gerne oder rufen mich für ein kostenfreies Erstgespräch unter 0170 38 175 74 an.“

Wie wird in humanistischen Therapien gearbeitet?

In der humanistischen Therapie geht es nicht darum, als Therapeut zu beobachten und zu analysieren. Vielmehr soll zugehört werden und Fragen gestellt werden, die den Klienten anregen, seine eigenen Ressourcen für die Lösung seines Problems zu nutzen. Wie kann das konkret methodisch aussehen? Therapeuten arbeiten hier nicht mit diagnostischen Fragebögen und erstellen klinisch bewertende Diagnostiken, sondern nutzen die Erfahrungswelt des Klienten als Grundlage für die Therapie. Die Gestaltung der Therapie nach eigenen Erfahrungen kann so auch das Selbstbewusstsein und die Selbstwirksamkeit des Klienten stärken.

 

Wann werden humanistische Therapien häufig angewendet?

Da im Humanismus psychische Erkrankungen als Störung des gesamten Komplexes aus Umwelt und Klient gesehen werden und die Übernahme der Verantwortung für sich und die Umwelt im Vordergrund steht, können humanistische Therapien bei vielfältigen und kombinierten Störungsbildern eingesetzt werden. Im klinischen Bereich kommen Sie vor allem bei Suchterkrankungen, bei chronischen Erkrankungen und psychosomatischen Kliniken zum Einsatz. Allgemein werden humanistische Therapien da angewandt, wo individuelle Therapiegestaltungen durch Selbstzahler möglich gemacht werden, da humanistische Therapieangebote oft nicht von gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden.

 

Wo sind die Grenzen von humanistischen Therapien?

Unser Kassensystem fordert für eine möglichst faire und transparenter Verteilung der Gelder im Sozialsystem eine Diagnostik und Einteilung in eine bestimmte Störungskategorie- wie schon beschreiben, steht das im Gegensatz zum humanistischen Verständnis psychischer Erkrankungen. Daher ist es mitunter schwierig, humanistische Therapieansätze von den Krankenkassen übernehmen zu lassen. Dies liegt vor allem daran, dass qualitativ hochwertige Studien zum Therapieerfolg bei bestimmten Störungsbildern fehlen und die Bundesärztekammer die Therapieansätze nicht geeignet für eine ganzheitlich klinische Behandlung hält. Viele Therapeuten arbeiten daher mit integrativen Verfahren und kombinieren psychoanalytische oder verhaltenstherapeutische Ansätze mit bspw. gestalttherapeutischen Ansätzen.

 

Welche speziellen Therapien werden bei humanistischen Therapien unterschieden?

 

Personenzentrierte Therapie

In dieser Therapieform möchte der Therapeut vor allem eins erreichen: der Klient sollte sein volles Potenzial und damit Selbstverwirklichung erreichen. Dies kann durch eine positive, offene Haltung des Therapeuten unterstützt werden. Der Therapeut schafft also einen offenen Gesprächsraum für den Klienten und schätzt mit viel Empathie die momentanen Probleme, aber auch Ressourcen des Klienten. Vor allem Schuldgefühle, eine niedrige Selbstachtung und eine schwierige Beziehungsführung können hierdurch verbessert werden und das Selbstvertrauen und die eigene Mitgestaltung dieser Bereich bei dem Klienten aktiviert werden.

 

Gestalttherapie

Bei der Gestalttherapie handelt es sich um eine situative Behandlung:  der Klient wird mitsamt seinem Körper, seiner Reaktionen und Gefühle in der Gegenwart angenommen. Der Therapeut setzt während der Therapien Visualisierungen oder Rollenspiele ein, um diese Reaktionen für den Klienten erfahrbar zu machen.  Der Klient kann so sein wirkliches Verhalten und seine Gefühle erkennen und nicht die, die er von sich im Alltag wahrnimmt. Diese Therapieform wird vor allem bei Depressionen, Traumata oder bipolaren Störungen eingesetzt.

 

Logotherapie und Existenzanalyse nach Viktor Frankl

Der Wiener Neurologe und Holocaust-Überlebende Viktor Frankl begründete diese Therapieform in den 1920er Jahren auf Grundlage eines Menschenbilds, das nach Sinnerfüllung strebt und neben der körperlichen und psychischen Ebene eine geistige Ebene hat. Gerade diese geistige Ebene soll sich in der Therapie mit philosophischen Prinzipien zunutze gemacht werden: hier geht es darum, die Fähigkeit zur Distanzierung von sich selbst und seiner Gedanken zu erreichen und den Blick auf das, was der Klient im Leben als sinnvoll und antreibend empfindet, zu richten. In der sog. paradoxen Intervention, einem Bestandteil der Therapie, geht es bspw. darum, dass sich der Klient Situationen, vor denen Angst hat, so schlimm wie möglich vorstellt und sich sagt, dass er alle Anstrengungen darauf richtet, es möglichst schlimm ausgehen zu lassen. So erreicht der Therapeut beim Klienten eine Distanzierung von seinen Gedanken durch Humor und paradoxe Überspitzungen.

 

Somatische Therapien oder Körperpsychotherapie

Somatische Therapien arbeiten im Allgemeinen mit der Lösung von psychischen Blockaden, die mit dem Körper verknüpft sind. Nicht immer ist dabei wissenschaftlich herausgefunden, warum diese funktionieren. Therapien wie Reiki, Massagen, Yoga, Tai-Chi oder der Einsatz von ätherischen Ölen und Essenzen haben in vielen Kliniken und in privaten Behandlungsräumen eine Verbesserung des körperlichen und psychischen Wohlbefindens gezeigt und werden in vielen Kulturen und Heilkunden traditionell angewandt.  In der Psychotherapie wird außerdem in manchen Fällen eine unterstützende Klopftechnik (EFT) eingesetzt, bei der bestimmte Energiepunkte des Körpers abgeklopft werden, wenn der Klient an sein Problem denkt. Hier scheinen beruhigende Effekte auf das Nervensystem eine Verbesserung des psychischen Wohlbefindens zu erreichen.

 

Psychodrama

Diese Therapieform wurde von dem österreichischen Arzt Jacob Moreno in der Zeit der Psychoanalyse entwickelt. Ursprünglich als Gruppentherapie entwickelt, soll innerhalb der Sitzung ein Klient als Protagonist sein Problem darstellen, während der Therapeut und die anderen Klienten als Mitspieler unterstützend einwirken. Das Ziel ist ist, durch den spielerischen Charakter Spontanität und Kreativität in die psychische Problemlösung mit hineinzubringen. Auch in Einzelpsychotherapien durch Therapeuten und Klienten, in der schulischen Arbeit sowie in der Paar- und Familienberatung kann diese Therapieform angewendet werden.

 

Wie lange dauern humanistische Therapien im Durchschnitt?

Da die humanistischen Therapien in Art und Anwendung sehr verschieden sind und sehr selten von Krankenkassen übernommen werden, können hier keine allgemeinen Aussagen zur Therapiedauer gemacht werden. Auch hier kommt es auf die schwere der Erkrankung an. In einer akuten Belastungssituation können bspw. in der Gestalttherapie schon möglicherweise 10-12 Therapiestunden Abhilfe schaffen während tief verwurzelte psychische Erkrankungen und/ oder Persönlichkeitsstörungen eine Langzeittherapie von 80 Therapiestunden oder mehr erfordern können.