Eine Pille und die Probleme sind verschwunden- so einfach würde man sich die Behandlung psychischer Erkrankungen wünschen. Leider ist die in der Praxis weitaus komplexer. In der Pharmakotherapie wird schwerpunktmäßig mit der Gabe von Medikamenten gearbeitet, um über den Eingriff in das neuronale Übertragungssystem auf die psychische Erkrankung oder auf   akute Symptome einzuwirken. Die Gabe von Medikamenten sollte stets unterstützend und erst nach Ausschöpfung anderer Therapieformen wie Gesprächstherapie erfolgen, da die Nebenwirkungen für den Körper oft stark sein können.

 

Gerlinde Baretton„Dieser Beitrag umfasst sehr viele Aspekte. Pharmakotherapie – also die Behandlung mit Medikamenten – kann bei vielen psychischen und körperlichen Beschwerden ein wichtiger Baustein sein: Sie kann Symptome lindern, Stabilität geben und manchmal überhaupt erst den Raum schaffen, damit Gesprächstherapie, Alltag und Selbstfürsorge wieder greifen. Gleichzeitig tauchen verständlicherweise Fragen auf: Wann ist der Einsatz sinnvoll? Welche Wirkstoffgruppen gibt es? Mit welchen Wirkungen und Nebenwirkungen ist zu rechnen – und worauf sollte man bei Dosierung, Dauer und Absetzen achten? In diesem Beitrag gebe ich Ihnen eine Orientierung. Beachten Sie: Psychologische Berater dürfen keine Medikamente verschreiben oder empfehlen! Das müssen Sie gemeinsam mit einer Ärztin/Arzt oder Therapeut:in besprechen. Dieser Artikel gilt daher ausschließlich dem Grundverständnis.“

Wie wirken Psychopharmaka?

Medikamente, die auf neurobiologischer Ebene auf die Psyche einwirken können, werden Psychopharmaka genannt. Hierbei werden komplexe Veränderungen in der Hirnchemie in Gang gesetzt. Das Medikament wirkt auf sog. Neurotransmitter im Gehirn, welche als Botenstoffe wie Dopamin, Serotonin oder Noradrenalin auf unsere Stimmung wirken. Bei der Behandlung von Depressionen mit Antidepressiva beispielsweise wird das Serotonin daran gehindert, von einer Nervenzelle zur anderen übertragen und abgebaut zu werden und verbleibt so länger im Nervensystem. So können Antidepressiva bei Depressionen, Angst- oder Panikstörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen helfen, das fehlende Serotonin zu erhöhen und die Stimmung und die Aktivität zu heben.

 

Welche Psychopharmaka gibt es und wann werden Sie verschrieben?

Diese Aufstellung gibt einen Überblick über übliche Verwendungsweisen von Psychopharmaka bei psychischen Erkrankungen, hat allerdings keinen Anspruch auf Vollständigkeit und kann in der Praxis individuell abweichen.

 

Kategorie Anwendung bei Wirkungen Nebenwirkungen
Antidepressiva Depressionen, gedrückter Stimmung, Angststörungen Bessern Stimmung und Wohlbefinden, steigern Antrieb und Optimismus Gewichtszunahme, Müdigkeit, Schlafprobleme, Kopfschmerzen
Antipsychotika Schizophrenien, Psychosen, Halluzinationen, Stimmungsschwankungen Stabilisieren die Stimmung, sorgen für klareres Denken, verringern Halluzinationen Emotionale Labilität wie Reizbarkeit, muskuläre Effekte (Zucken), verringerte/ gesteigerte Körpertemperatur, Schwindel
Angstlöser Angststörungen, Panikstörungen, Zwangsstörungen, Phobien Verbessert Stressumgang, senkt die Muskelspannung, verbessert Emotionsregulation Schwindel und Gleichgewichtsprobleme, Koordinationsschwierigkeiten, Rückzugssymptome, Sprachprobleme
Stimmungsstabilisierende Mittel Bipolare Störungen, allgemeine Stimmungsprobleme im Rahmen anderer Erkrankungen Reduzieren manische Zustände, bessern Depressionen Gewichtszunahme, verringerte emotionale Reaktionen, Mundtrockenheit, Hautprobleme, Ruhelosigkeit
Stimulanzien ADHS, Tagessschläfrigkeit Verbessert Konzentration und Aufmerksamkeit, Energiesteigerung Angstzustände, Schlaflosigkeit, Appetitveränderungen, Gewichtsabnahme, Kieferspannungen
Schlafmittel Schlafstörungen Verbessert die Einschlaf-/Durchschlaffähigkeit Tagesschläfrigkeit, Toleranzentwicklung und Abhängigkeit, Erinnerungsverlust

 

 

Wer darf Medikamente verschreiben- und wann sollte man es nicht tun?

In Deutschland dürfen ausschließlich praktizierende Ärzte, also Personen, die ein Medizinstudium abgeschlossen haben, Pharmakotherapie anordnen und verschreiben. In der Psychotherapie gilt es daher für eine gewünschte Pharmakotherapie einen Psychiater, also einen Arzt mit einer psychiatrischen oder psychotherapeutischen Facharztweiterbildung, aufzusuchen.

Ein Psychiater sollte dann Medikamente oder eine andere Art der pharmakologischen Therapie anordnen, wenn er/ Sie den Nutzen durch den Eingriff in das neurobiologische System des Patienten im Vergleich zu dem Schaden durch Nebenwirkungen gesetzt und für ausreichend bewertet hat. Als Patient sollten Sie vor der Einnahme über Risiken und Nebenwirkungen des Medikaments aufgeklärt worden sein. Wenn möglich sollte eine Pharmakotherapie nur dann angesetzt werden, wenn die Wirkung unmittelbar erfolgen soll und eine Behandlung mit Psychotherapie nicht (mehr) ausreichend ist, um die Symptome der psychischen Erkrankung zu behandeln.

 

Welche pharmakologischen Therapien gibt es außerdem?

Neben der klassischen Medikamentengabe gibt es einige Behandlungsverfahren, die in das neurobiologische System des Patienten eingreifen und bei besonders schwerer psychischer Symptomatik eingesetzt werden.

  

Elektrokonvulsionstherapie (EKT)

Diese Therapieform wird bei schwer depressiven Patienten, die den ausdrücklichen Wunsch zur Therapie äußern sowie bei therapieresistenten Wahnerkrankungen und neurologischen Störungen eingesetzt. Bei der Therapie wird ein Krampfanfall im Gehirn ausgelöst, indem Stromimpulse über Elektroden an die Kopfhaut abgegeben werden. Während der Behandlung wird eine kurze Bewusstseinsunterbrechung durch Medikamente verursacht und Atmung, Herzschlag und Blutdruck überwacht. Diese Therapieform gilt als sehr sicher und nebenwirkungsarm. Typischerweise ist die Behandlung nach 6-18 Behandlungen abgeschlossen.

 

Transkranielle Magnetstimulation (TMS)

Bei der transkraniellen Magnetstimulation werden in sich wiederholenden, kurzen Abständen Magnetimpulse über die Kopfhaut abgegeben. Dabei können gezielt bestimmte Gehirnareale angesteuert werden, je nach Stärke und Art der psychischen Erkrankung. Bei einer Depression werden Areale im linken vorderen Gehirn stimuliert während bei bspw. bei akustischen Halluzinationen der linke mittlere Bereich des Hirns stimuliert werden kann. Diese Therapieform ist sehr gut verträglich, es ist keine Betäubung notwendig und auch nur leichte Nebenwirkungen wie Kopf- oder Nackenschmerzen bekannt.

 

 

Psychochirurgie

Die Psychochirurgie hat eine lange Geschichte in der Medizin- Anfang des 1900 Jahrhunderts ging man davon aus, dass viele Verhaltensstörungen und psychische Alltagsleiden durch Eingriffe wie Lobotomien geheilt werden können. Da diese Eingriffe oft persönlichkeitsverändernd waren oder andere schwerwiegende Nebenwirkungen hatten, wurde immer mehr auf die Therapie mit Medikamenten gesetzt. Heute werden hirnchirurgische Eingriffe bei besonders schweren psychischen Erkrankungen eingesetzt. Dabei werden zb. Operationen an der Amygdala, des Zentrums für Emotionen, Angst- aber auch Kreativität und Spontanität- durchgeführt, was auch heute noch zu persönlichkeitsverändernden Zuständen führen kann.

 

Wie lange dauern pharmakologische Therapien im Durchschnitt?

Auch bei der pharmakologischen Behandlung psychischer Erkrankungen kann hierzu keine verallgemeinernde Aussage getroffen werden. Bei manchen Erkrankungen, die einzelne Episoden von Symptomen betreffen, wie Depressionen, bipolare Störungen oder Panikstörungen, kann eine vorübergehende Medikation bei schweren Symptomen unterstützend eingesetzt werden. Andere chronische Erkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen müssen dagegen dauerhaft zur Unterstützung einer lebenswerten, symptomfreien Alltagsführung durch Psychopharmaka begleitet werden. Im Zweifel entscheidet der behandelnde Psychiater oder der behandelnde Arzt ambulant oder akut in einer Klinik, welche Medikation wie lange eingesetzt werden sollte.

 

 

Interessante (gut verständliche) Links im Internet

Was sind Psychopharmaka? – Neurologen und Psychiater im Netz

Psychopharmaka- therapie.de

Psychopharmaka- Medizinische Experten – leading medicine guide

 

Buchempfehlungen

 

Psychopharmaka- Kleine Helfer oder chemische Keule? Brigitta Bondy

Psychopharmaka- Ratgeber für Patienten und Angehörige Gerd Laux und Otto Dietmaier