„Du bist aber selbstverliebt- ein echter Narzisst!“, „Du bist richtig zwanghaft!“, „Heute so, morgen so- bist du Borderliner?“- allzu oft stellen wir einander Alltagsdiagnosen von Persönlichkeitsstörungen, die zeigen, wie viel Halbwissen und Stereotype bei diesem Thema vorherrschen. Die Abgrenzung zwischen einer „normalen“ und einer gestörten Persönlichkeit fällt aber nicht nur den Laien schwer. Wie in der Psychologie und Psychotherapie mit dem Stigma Persönlichkeitsstörungen umgegangen wird und welche Behandlungsmethoden möglich sind, wird im Folgenden vorgestellt.
„Dieser Beitrag gibt Ihnen einen verständlichen Überblick über Persönlichkeitsstörungen. Der Begriff wirkt oft schnell „schwer“ oder stigmatisierend – dabei geht es in der Psychologie nicht um „schlechte Persönlichkeit“, sondern um überdauernde Muster des Denkens, Fühlens und Handelns, die in bestimmten Lebensbereichen zu Leidensdruck führen können. Häufig entstehen diese Muster als frühe Schutz- und Bewältigungsstrategien, die einmal sinnvoll waren, später aber Beziehungen, Selbstwert, Emotionsregulation oder den Umgang mit Nähe und Grenzen erschweren. In diesem Beitrag erfahren Sie, was Persönlichkeitsstörungen ausmacht, welche Formen unterschieden werden, wie Diagnostik typischerweise abläuft und welche Behandlungsmöglichkeiten als hilfreich gelten.“
Welche Arten von Persönlichkeitsstörungen gibt es?
Inhaltsverzeichnis
Eine Persönlichkeitsstörung beschreibt erst einmal eine Abweichung des Verhaltens und Erlebens einer Person von den Normen, welche gesellschaftlich erwartet und akzeptiert werden. Dieses Verhalten führt dazu, dass Betroffene leiden oder auch in ihrem sozialen Umfeld Probleme bekommen. Bereits im Kindesalter können die ersten Symptome auftreten. Da sich die Persönlichkeit erst zum Erwachsenenalter hin festigt, sollte allerdings erst nach dem 15. Lebensjahr eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert werden.
Ein neues Diagnosesystem- das ICD-11
Wenn die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung gestellt wird, gehen damit meistens bestimmte Vorstellungen und Vorurteile einher. Da sich die Persönlichkeit im Laufe des Lebens nicht grundlegend ändern kann, bedeutet eine solche Diagnose vor Allem Eines: ein Eintrag in der Krankenakte für das ganze Leben. Der Stempel „schizoid“, „dissozial“ oder „narzisstisch“ kann für Betroffene als kategoriale Einteilung sehr belastend sein. Da dies aber nicht zwingend der Fall sein muss und Stigmatisierung und dem Gefühl der Ohnmacht entgegengewirkt werden soll, werden im neuen Diagnosesystem der Weltgesundheitsorganisation WHO die Mindestdauer für die Diagnose eines abweichenden Verhaltens auf 2 Jahre eingegrenzt. Da es Diagnostikern durch unsere oft sehr individuellen Persönlichkeiten schwerfallen kann, eine normale oder kranke Persönlichkeit abzugrenzen, wird im neuen ICD-11 die Persönlichkeitsstörung in den Dimensionen leicht, mittel bis schwer gedacht. Hinzu kommen dann charakteristische Merkmale, die das Verhalten beschreiben, wie zb. negative Emotionalität, Zwanghaftigkeit etc.
5 Hauptkategorien
Nach der Einteilung in den Schweregrad der Persönlichkeitsstörung wird der Psychotherapeut oder Arzt die charakteristischen Merkmale des abweichenden Verhaltens beschreiben und einteilen. Diese sind in der folgenden Tabelle dargestellt:
| Negative Emotionalität | Distanziertheit | Dissozialität | Enthemmtheit | Anankasmus/ Zwanghaftigkeit |
| Negative Gefühle | Soziale Distanziertheit | Egozentrismus | Impulsivität | Perfektionismus |
| Emotionale Instabilität | Emotionale Distanziertheit | Fehlen von Empathie | Ablenkbarkeit | Emotionaler und verhaltensbezogener Zwang |
| Negative Einstellungen | Unverantwortlichkeit | |||
| Niedriger Selbstwert | Rücksichtslosigkeit | |||
| Misstrauen | Fehlende Handlungsplanung |
Die emotional instabile Persönlichkeitsstörung- Borderline
Einzig bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung hat man die bisherige Einteilung belassen, da diese Störung sehr gut untersucht ist. Für Betroffene und Behandler hat es Vorteile, eine feste Diagnose in diesem Bereich stellen zu können. Bei dieser Erkrankung weisen Betroffene eine mangelnde Fähigkeit auf, ihre Impulse zu kontrollieren. Unüberlegtes Handeln ohne Blick auf die Konsequenzen und verstärkte Bereitschaft zu Konflikten sind die Folge. Betroffene sind oft launisch und haben Probleme in Beziehungen Nähe und Distanz zu regulieren.
Typ I- der Impulsive Typus
Betroffene dieses Störungsbilds zeigen für Außenstehende oft unverständliche Handlungen, die aus emotionalen Impulsen entstehen. Sie neigen zu Ausbrüchen von Wut oder auch Gewalt und sind unfähig, ihr übersteigertes Verhalten zu kontrollieren. Auch kann eine unbeständige Stimmung bei Betroffenen vorherrschen und Probleme, Dinge zu tun, die nicht unmittelbar belohnt werden. Drei dieser Verhaltensweisen müssen neben den allgemeinen Kriterien des Leidensdrucks durch ein von der Norm abweichenden Verhaltens und dem Ausschluss einer organischen Ursache für eine Diagnose erfüllt sein.
Typ II- der Borderline-Typus
Auch hier müssen für eine Diagnose neben den allgemeinen Kriterien einer Persönlichkeitsstörung drei der folgenden Verhaltensweisen gezeigt werden. Bei diesem Typ der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung zeigen Betroffene Unsicherheit in Bezug auf ihr Selbstbild, ihren Zielen und inneren Wünschen und Bedürfnissen, hier sind auch sexuelle gemeint. Betroffene neigen dazu, sich auf emotional tiefgehende, aber kurze und instabile Beziehungen einzulassen, was Sie in tiefe Krisen stürzen kann. Betroffene können typischerweise in Beziehungen kaum den Gedanken aushalten, dass der Partner Sie verlassen könnte, und wollen Dies unbedingt vermeiden. Einige Betroffene berichten von einem Gefühl der „inneren Leere“ in Form einer Gefühlstaubheit. In diesem Zuge gibt es einige Betroffene, die sich selbst verletzen oder dies androhen, um diesem Leeregefühl entgegenzuwirken.
Die Therapie bei Menschen mit Persönlichkeitsstörungen wie der emotional instabilen gestaltet sich nicht selten schwierig, da Diese die Einstellungen und das Verhalten, welches auf Diese folgt, als zu Ihnen gehörend und als Teil ihrer eigenen Gefühls- und Gedankenwelt wahrnehmen. Oft sind Sie selbst verstrickt in starre Handlungsmuster, die auch für Angehörige schwierig nachzuvollziehen und zu akzeptieren sind. Entgegen einer Zwangsstörung oder Angststörung oder Depression kann hier oft kein klarer Auslöser gefunden werden und die Betroffenen können im Alltag schwer Bewusstsein für die Sie schädigenden Gedanken- und Verhaltensmuster entwickeln. Bei Persönlichkeitsstörungen wird demnach Psychotherapie mit Fokus auf die Gedankenwelt der Betroffenen angeordnet. Die Schematherapie stellt hier ein Mittel der Wahl da. Bei dieser lernen die Betroffenen, welche Bedürfnisse als Heranwachsender nicht befriedigt wurden und welche Gedankenmuster dadurch entstanden sind. Mit dem Therapeuten werden diese aufgearbeitet, wertschätzend betrachtet und akzeptiert und im Alltag achtsam beobachtet. So können Betroffene die Verhaltensweisen und schädigenden Gedanken im Alltag besser wahrnehmen und ihr Selbstbild stärken. Eine vorübergehende Unterstützung durch Pharmakotherapie kann auch bei Persönlichkeitsstörungen hilfreich sein.
Angehörige sollten bei Betroffenen stets Unterstützung bei einer Therapie anbieten. Betroffene fühlen sich oft unverstanden und in ihrer Persönlichkeit nicht akzeptiert und wertgeschätzt- hier können Angehörige mit Wertschätzung und Bindungsangeboten viel Unterstützung leisten. Geduld mit den Betroffenen ist sehr hilfreich, da die Behandlung der Persönlichkeitsstörungen oft eine lange Zeit in Anspruch nehmen kann. Informieren Sie sich bei Unsicherheiten zum Umgang gerne unter den folgenden Links zu Persönlichkeitsstörungen.
Interessante (gut verständliche) Links im Internet
Persönlichkeitsstörungen- Krankheitsbilder
Persönlichkeitsstörungen und Tipps für Angehörige- LWL Paderborn
Buchempfehlungen
Zwanghafte Persönlichkeitsstörung und Zwangserkrankungen- Therapie und Selbsthilfe– Springer Verlag.